[Spoiler] Ein seltsamer Wanderer - Alternative F4 Geschichte

  • 281. Auf dem Boden der Realität

    Reginald Avens kniff sich in den Oberarm, was John Rothschild mit einem fragenden Stirnrunzeln kommentierte. Avens verzog kurz das Gesicht. Er hatte sich wohl recht heftig gekniffen. "Entschuldigen Sie, Sir. Aber ich musste mich selbst davon überzeugen, dass ich mich in der Realität befinde." Avens schnaufte kurz und sah Rothschild ziemlich ernst an. "Das ist ... vor etwas mehr als zehn Tagen dachte ich noch, dass ich wahrscheinlich in den Ödlanden die endgültige Ruhe finde und heute trägt man eine Frage an mich heran, die ich davor für unmöglich gehalten habe ... und das ist wirklich ernst gemeint? Sie verarschen mich wirklich nicht, Sir?" Avens kam immer noch nicht damit klar.


    In seinem Kopf tosten tausend Fragen nach den Warum und Wieso. Warum wollte die stählerne Bruderschaft einen Waffenstillstand? Wieviel hatten die Silver Dragons damit zu tun? War es vielleicht so, dass sie die Bruderschaft unter ihrer Fuchtel hatten? Das hieß aber, dass hier eine Fraktion aufgetaucht war, die der NCR ziemlich gefährlich werden konnte, wenn sie die Bruderschaft für ihre Zwecke einspannen konnte. Immer wenn er dachte, er würde diese Leute verstehen kam es zu neuen Ereignissen, die wieder mehr neue Fragen aufwarfen, als sie zu beantworten. Avens schluckte innerlich. Ihm kam hier mit einem Mal eine Rolle zu, die eine ziemliche Tragweite hatte. Die Ereignisse hier gingen nachdem er Meldung gemacht hatte mit hoher Wahrscheinlich direkt an die höchste Ebene der NCR.


    "Major, sehe ich so aus, als würde ich in solchen Dingen Späße mit Ihnen treiben?" sagte John ziemlich ernst. Der Gesichtsausdruck den er dabei hatte sprach Bände. Avens wusste damit, dass John Rothschild es äußerst ernst meinte. Er sank in den Dinersessel zurück, schloss die Augen und ließ dabei ein leises *Uff* hören. John wartete geduldig einen Moment. Dann sprach er Avens wieder an. "Major?" Der öffnete die Augen und nickte ganz langsam. "Ja, ich bin bereit mich mit dem Ältesten zu treffen. Wobei ich mich immer noch frage, warum gerade ich? Eigentlich ist das eine Sache fürs HQ. Für General Lee Oliver." "Nun, der Älteste und ich ... Wir beiden waren uns einig, dass Sie eine kompetenten Eindruck machen und diese Sache schon an betreffende Stelle überbringen werden. Außerdem ist der Älteste noch ein wenig vorsichtig ... dazu kommt noch nach Aussage des Ältesten, dass General Lee nicht gerade für ein gewisses Fingerspitzengefühl bekannt zu sein scheint." antwortete John ehrlich.


    Avens sah ihn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. Einerseits war es fragend und gleichzeitig zustimmend schmunzelnd bitter. "Sie haben mich dem Ältesten als kompetente Person empfohlen? Das ist überraschend für mich..." Avens war beinahe schon verlegen. "Ähem ja. Das mit dem Fingerspitzengefühl bei General Lee ... nun ja ... und anderen Dingen ... da möchte ich mich nicht weiter zu äußern. Dass der Älteste aus Schutzgründen so vorgeht, das kann ich natürlich verstehen. Nun gut. Wann soll das Treffen mit ihm stattfinden?" Avens war trotz der Feindschaft zwischen NCR und BoS neugierig geworden. Die Ältesten hatten in der NCR schon etwas Mysteriöses an sich. Man wusste, dass sie die Fäden in der stählernen Bruderschaft zogen. Aber zu sehen bekam man sie im Normalfall nicht. Zu mindestens nicht auf Seiten der NCR.


    "Heute gegen späten Nachmittag. Im Lassen. Ich werde Sie dann durch einen unserer Leute abholen lassen. Ich selbst muss mich noch um einige Dinge für dieses Treffen kümmern." John stand auf und wollte gerade gehen als Avens ihn nochmal ansprach. "Dann werde ich wohl neben den Ältesten der Bruderschaft wohl auch den Kommandanten kennen lernen, oder? Bei einem Gespräch von solcher Wichtigkeit wird er oder sie doch sicherlich mit dabei sein." John schüttelte den Kopf, was Avens mit einem fragenden Gesicht zur Kenntnis nahm. "Der Kommandant und der Älteste haben ..."


    Avens hatte den Eindruck, dass John Rothschild einen Moment nach der richtigen Wortwahl suchte "... ich nenne es mal ... persönliche Differenzen miteinander. Daher wird er nicht daran teilnehmen. Ich selbst werde dabei sein. Der stellvertretende Sicherheitschef Twibs mit einigen unserer Leute. Zu Ihrem und zum Schutz des Ältesten. Und zwei weitere Leute, der stellvertretende Vorsitzende des Ältestenrates und der Versammlung. Wobei letztere als eine Art Zuschauer dabei sein werden. Es dient ihnen zur Information, um den Rest unser Leute im Stand der Dinge in der Außenwelt zu halten." informierte ihn John abschließend. "Okay. Danke. Sie scheinen hier im Moment wirklich eine schwierigen Job zu haben ... zwei Oberkommandierende, die sich nicht verstehen ... in Ihrer Haut möchte ich nicht stecken, Sir."


    In seinem Inneren fragte sich Avens, wie dieses Bündnis zwischen BoS und Silver Dragons funktionieren konnte, wenn sich die beiden führenden Köpfe scheinbar spinnefeind waren. Auch schien der Kommandant eher eine Person der zurückhaltenden Sorte zu sein, da er sich bis jetzt nicht bei Major Avens hatte sehen lassen, obwohl er scheinbar derjenige gewesen war, der die Rettung angeordnet hatte. Er blieb wie eine graue Eminenz im Hintergrund und schien die Fäden zu ziehen. Vielleicht waren es auch nur irgenwelchen Sicherheitsaspekten geschuldet, dass der Kommandant sich alles berichten ließ, aber nicht selbst in Erscheinung trat. John seufzte aufgrund Avens Bemerkung kurz auf und nickte. Scheinbar hatte Avens damit ins Schwarze getroffen. John brach danach Richtung Lassen auf.


    Etwa gegen 17.00 Uhr des gleichen Tages


    Major Avens betrat den kleinen Besprechungsraum auf der Ebene des Ältestenrats. Hier stand ein oval geformter Tisch aus einem schwarzen fast glasartigen Material. An dem einen Ende des Tisch saß ein älterer Mann mit krausen, schwarzen Haaren, die bereits einen leichten Einschlag von grau aufwiesen. Aus dem braunen, wettergegerbten, aber eigentlich nicht unsympathischen Gesicht betrachteten ihn ernst und prüfend zwei braune Augen. Unverkennbar trug er die Tracht eines Ältesten der stählernen Bruderschaft. Mittig saß John Rothschild. Hinter ihm stand wohl der stellvertretende Sicherheitschef mit dem Namen Twibs. Auch wenn er um einige Lebensjahrzehnte jünger als Cpt. Cornally wirkte, strahlte er eine ähnliche Autorität wie er aus.


    Aufmerksam beobachtete er den Raum. Vier weitere Leute der Sicherheitsmannschaft waren im Raum. Am anderen Ende des Tisches, in der Nähe der Tür, durch die er hindurch getreten war, befand sich ein leerer Sitz. Noch zwei weiter Leute waren im Raum anwesend. Das mußten wohl die Leute aus der Versammlung und des Ältestenrat sein, dachte er kurz bei sich. Avens blieb einen Moment unsicher stehen. Er war aufgrund der ganzen Situation angespannt. "Setzen Sie sich doch Major." sagte John zu ihm und wies mit der Hand auf den freien Sitz. Als Avens Platz genommen hatte, begann John die beiden miteinander bekannt zu machen. Anschließend ergriff der Älteste das Wort und erläuterte Major Avens den Grund des erbetenen Gesprächs.


    Fast drei Stunden dauerte die Besprechung. Hin und wieder musste Pause gemacht werden, da das Gespräch teilweise sehr hitzig von beiden Seiten geführt und John bei drohenden Beschimpfungen das Gespräch unterbrechen lies. Gerade zu Anfang kochte es ziemlich hoch, wurden aber auf die Dauer der Zeit gesehen immer ruhiger. "Für jemanden der aus der NCR sind, Sie nicht auf den Kopf gefallen, Avens. Das muss ich schon sagen." konstatiere der Älteste nachdenklich gegen Ende des Gespräches. "Das ist ... sehr höflich von Ihnen, Ältester Bardeen. Sie sind auch nicht ganz so überheblich, wie ich Sie zunächst eingeschätzt habe. Ich werde die Dinge weiterleiten. Allerdings kann ich Ihnen nicht sagen, ob Ihr Anliegen zurzeit auf fruchtbaren Boden fällt. So ungern ich das auch zugebe, die meisten Ihrer Argumente sind einleuchtend. Gegen die Legion brauchen wir auf jeden Fall eine Art von ... Absprache." antwortete der Major offen und ehrlich. Kurz darauf endete das Gespräch auch und beide wurden wieder getrennt in ihre Quartiere verbracht. Dort gab es auf beiden Seiten weiter Gespräche. Ebenso im Lassen selbst.


    Am nächsten Morgen brach Jeremiah bereits Richtung Lost Hills auf. Abby und Darrington, sowie einige andere Mitglieder der Bruderschaft blieben in dem Quartier der Bruderschaft auf Anordnung des Ältesten zurück. Er wollte beide zunächst in relativer Sicherheit wissen, bis alles für die Neuausrichtung geregelt wäre. Das was er für die BoS anstrebte war reichlich Zündstoff in den eigenen Reihen. Major Avens hingegen blieb auf Anraten von John Rothschild noch in der Kluft. Der wollte sichergehen, dass die meisten der Geretteten wieder soweit wohlauf waren, dass ihre beschwerliche Reise im Ödland Richtung Redding wieder fortsetzten konnten. Avens wollte von dort aus mit einigen seiner Veteranen Richtung der Hauptstadt der NCR aufbrechen. Früher wurde sie Shady Sands genannt, heute bezeichnet man sie mit gleichen Namen, wie die NCR selbst. Die Nachrichten und Informationen der er jetzt bei sich trug, wollte er damit an die vermeintlich richtige Stelle bringen.


    Drei Tage später


    Avens sah sich immer noch zwischen Freude und Staunen die Schritte einer seiner Leute an. Aufgrund der schweren Verwundungen, die sie bei dem Gefecht gegen die Supermutanten erlitten hatten, war es leider notwendig gewesen bei dreien von ihnen einige Gliedmaßen zu amputieren. Nach kurzen Beratungen, an der auch der Kommandant selbst beteiligt war, hatte man sich dazu entschlossen einen adäquaten Ersatz zu stellen. Es gab zwar draußen im Ödland Möglichkeiten bei Verlust von Gliedmaßen diese zu ersetzten, aber entweder waren sie in Kronkorken kaum zu bezahlen oder aber sie waren so grob und primitiv, dass man nicht wirklich von einem Ersatz sprechen konnte.


    "Schauen Sie mal Major, ich kann sogar die Zehen bewegen. Wie als wären es die eigenen. Und ich kann damit der NCR weiter dienen. Doc Darper sagte, dass sie genauso belastbar sind wie die eigenen." Avens schaute zu Darper, der angelehnt im Türrahmen stand und lächelte. "Wirklich?" fragte Avens fasziniert bei Doc Darper nach. Er nickte kurz. "Tja mein Junge, dann werden Sie damit demnächst zum Mechaniker müssen, wenn da was dran kommt." grinste Avens und klopfte dem jungen Mann von etwa vierundzwanzig Jahren aufmunternd auf den Rücken. Die anderen, bis auf einem, der immer noch im künstlichen Koma lag, waren in ähnlich guter Verfassung. Trotzdem hieß es für sie, dass sie noch eine längere Zeit hier bleiben sollten. Darper wollte seine Patienten komplett wieder hergestellt wissen. Avens hatte große Achtung vor Darpers medizinischer Einschätzung und wusste das seine Leute hier bestens auch auf längere Zeit aufgehoben waren.


    Kurz nachdem er bei seinen Leuten fertig war, bat er seine Begleitung ihn wieder zurück in das Quartier zurückzubringen. Dieser nickte und sie schlugen den Weg Richtung der Aufzüge ein. Avens verlangsamte seine Schritte auf den Weg dorthin und begann wie so oft in den letzten Tagen über die Auswirkungen nachzugrübeln, die es nach sich ziehen würde, wenn er dem HQ über das Anliegen der Bruderschaft und der Existenz der Silver Dragons berichten würde. Der Waffenstillstand bzw. die Friedensverhandlungen mit der Bruderschaft würde die NCR mit Sicherheit militärisch entlasten und dazu führen das sie die freiwerdenden Ressourcen an anderer Stelle gegen die Legion eingesetzt werden konnten. Ob das HQ das auch so sah, das schätzte er pessimistisch ein. Er befürchtete eher, dass General Lee das als Schwäche der stählernen Bruderschaft auslegte. Wie das HQ die Silver Dragons einordnete konnte er überhaupt nicht einschätzen. Seine Begleitung wartete zwar geduldig, schien aber irgendwie unter Zeitdruck zu sein. Auch wenn sie versuchte das zu verstecken.


    Avens fiel das zwar auf, machte sich aber darüber keine weiteren Gedanken. Sie waren am Hauptaufzug angekommen und warteten einen Moment auf ihm. Er war auf dem Weg von unten in diese Ebene. Einen Moment später war er da. Gedankenverloren wollte Avens den Aufzug betreten und schaute dabei auf dem Boden. Normalerweise war dieser leer. Diesmal nicht. Er hörte ein erschrecktes "Vorsicht Major!", merkte nur noch einen ziemlich massiven Widerstand und fand sich anschließend auf dem Boden vor dem Aufzug wieder. Auf dem Bodens sitzend starrte er ungläubig auf ein paar ziemlich große schwarze glatte Schuhe.

  • 282. Offenlegung

    "Major Avens? Ist ... bei Ihnen alles in Ordnung? Ich war in Gedanken ... Es tut mir leid, dass ich Sie über den Haufen gerannt habe." seufzte Drake und hielt ihm seine Hand hin. Avens schaute ihn immer noch total ungläubig an. "Ach du heilige Scheiße. Ein Nightkin. Hier drinnen. Geradeaus sprechen kann er auch noch." dachte er im ersten Moment entsetzt. "Okay Reg, ruhig bleiben. Wenn der hier so einfach rumrennt, dann tut er dir sicherlich nichts." Erst dann nahm er wahr, dass Drake ihm die Hand zur Hilfe anbot. "Scheint wirklich einer der umgänglichen Sorte zu sein." Avens gewann sein Fassung wieder und betrachtete sein Gegenüber genauer.


    Der Nightkin, der vor ihm stand trug neben den schwarzen Schuhen eine ebenfalls schwarze Hose. An dem Gürtel darüber war eine Art Tasche befestigt. Er war mit der gleichen Uniform bekleidet, wie Rothschild oder Cornally sie trugen. Allerdings nicht mit silbernen Einschlägen, sondern mit goldenen. Auf den Schulterklappen war kein eindeutiges Rangabzeichen zu erkennen, sondern nur der typische Drachenkopf der Silver Dragons in goldener Farbe. Ebenfalls trug er einen für sich passenden Pipboy mit silbernen Einschlägen. Avens Blick wanderte an dem Namenschild vorbei, auf dem der Name seines Gegenübers stand, weiter nach oben.


    Im Gesicht trug der Nightkin tatsächlich eine Brille auf der Nase. Zwei nachdenklich wirkende blau-graue Augen sahen ihn im Moment besorgt an. Er hatte sogar Augenbrauen und kurze graue Haaren, die einen Seitenscheitel aufwies. Avens griff nach der helfenden Hand. Vorsichtig zog die ihn nach oben, so dass er einen Moment später wieder auf seinen Füßen stand. Avens Begleitung sah den Nightkin ziemlich bedröpelt an. "Es tut mir leid, Sir. Wir..." Der seufzte kurz. "Kein Problem. Ich hätte auch noch einen Moment länger warten können. Ich war diesmal wirklich sehr unaufmerksam ... und ungeduldig. Also nicht Ihre Schuld. Ich werde den Major selbst nach oben begleiten. Nachdem ich seine gerade aufkommenden Fragen beantwortet habe und das wird, denke ich länger dauern. Sie können jetzt ruhig gehen. Sie haben ja heute noch etwas Wichtiges anstehen, ..." unterhielt sich Drake mit der Begleitung.


    Avens hatte tatsächlich gerade eine Menge Fragen, als er das Gespräch mit anhörte. Seine Begleitung grinste dankbar und verschwand im Aufzug, so das Avens nur noch allein mit Drake dort stand. Im ersten Moment fühlte sich Avens nicht besonders wohl und das sah man ihm auch deutlich an. Was ihm auch selbst bewusst war. "Ich ... *Uff* ... es tut mir leid. Nur ich ... also ... ich möchte nicht beleidigend sein, aber ..." Zu seiner Verwunderung schmunzelte sein Gegenüber. "Sie sind es einfach nicht gewöhnt, einen Supermutanten so nah an sich zu haben. Kann ich nachvollziehen. Vor allem nach der Geschichte mit dem Angriff. Bei mir brauchen Sie keine Angst haben, Major Avens. Ich neige eigentlich nicht dazu jemanden zu verletzten oder umzubringen. Es sei denn, ich muss mich oder meine Leute schützen. Was halten Sie davon, wenn wir ein Stückchen weiter gehen. Ich glaube, so nah am Aufzug stehen zu bleiben, wäre ungünstig."


    Drake ging voraus, Richtung der Krankenstation. Avens folgte ihm in einigen Abstand. Während des Laufens sprach Drake mit Avens weiter. "Ich bin froh, dass sich Ihre Leute von den Verletzungen halbwegs erholt haben. Es tut mir nur leid ... wenn wir schneller bei Ihnen gewesen wären ... vielleicht könnten noch mehr Ihrer Leute leben. John hat mir erzählt, dass einige der Gefallenen noch sehr jung waren. Es waren Rekruten, oder?" Avens nickt kurz. "Ich bin überaus froh, dass uns überhaupt jemand in dieser Einöde zur Hilfe geeilt ist ... Ihr Name war Drake, richtig?..." Von Drakes Seite kam eine Art bestätigendes Brummen. "... und was hier für uns getan worden ... so eine Hilfsbereitschaft findet man im Ödland kaum noch ... und so hart das auch klingt ... ich bin für jeden froh, der diesen Angriff überlebt hat und hier gesund gepflegt wird. Um auf die Frage zurückzukommen. Ja, wir waren mit einer Gruppe Neulinge zum Ausbildungscamp in Redding unterwegs. Wir wollten gerade ein Quartier für die Nacht aufschlagen, als wir überfallen wurden ... mit John meinen Sie General Rothschild, oder?"


    Wieder kam das bestätigende Brummen als Antwort. "Darf ich fragen, wie Sie und Rothschild sich kennengelernt haben. Sie sind gut miteinander befreundet, wie mir scheint. Von welchem Ort des Ödlandes kommen Sie ursprünglich?" Avens war neugierig die Geschichte zu erfahren, die Rothschild und diesen Drake miteinander verband. Drake blieb kurz stehen und blickte den Major nachdenklich an. Er schien einen Moment zu überlegen bevor er Avens Frage beantwortete. "Ja. John und mich verbindet eine sehr lange Freundschaft." Mehr zu sich als zu Avens murmelte er anschließend "...glaube ich ... wie lange genau eigentlich? ... ich weiß es nicht ... nicht mehr ... lange auf jeden Fall." Wieder an Avens gerichtet "Ich komme von hier ... Major ... Hm. Unser Kennenlernen? Das liegt weit zurück ... auch daran erinnere ich mich nicht." Avens war im ersten Moment enttäuscht, dann stutzte er.


    "Merkwürdig. Was meint er genau mit hier? Aus dieser Gegend? Er bezeichnet Rothschild als Freund, kann sich aber an wichtige Sachen nicht erinnern. Ist er senil oder hat man ihn eine Art Gehirnwäsche verabreicht, damit er so friedlich ist, wie er ist." Avens wurde wieder ein wenig misstrauischer und sein Gesicht sah immer noch fragend aus. Die Leute hier schienen aus seiner Sicht einige Geheimnisse zu haben und sie auch gut zu hüten. Auch die uneindeutigen Aussagen von Rothschild während anderer Gespräche mit ihm wiesen darauf hin. Aus dem Gespräch am Fahrstuhl schloss Avens, dass die Silver Dragons es vermieden hatten, dass er und seine Leute den Nightkin zu sehen bekamen. Aber zu welchem Zweck?


    Drake seinerseits wusste, dass die Beantwortung der Fragen von Avens für diesen unbefriedigend war. Er würde dem Major versuchen alles zu erklären. Zunächst wollt er aber die Sache in der Krankenstation erledigen. Danach würde er John informieren. Es war wichtig, dass dieser bei dem Gespräch mit dabei war. Um ihn erinnerungstechnisch zu unterstützen und den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen zu untermauern. "Major Avens, ich weiß, dass ich Ihre Fragen ziemlich dürftig beantwortet habe. Ich werde eben noch was auf der Krankenstation erledigen und anschließend werden wir ein längeres und klärendes Gespräch führen. John Rothschild wird auch dazu kommen." erklärte er sein weiteres Vorgehen. Einen kleinen Moment später waren sie dort angekommen. Avens setzte sich auf einen der Stühle, während Drake Darper ansteuerte, der gerade aus dem hinteren Teil der Krankenstation kam.


    Das Gespräch selbst konnte er nicht wirklich verstehen. Die beide standen ein ganzes Stück weg, sprachen relativ leise miteinander und in der Krankenstation herrschte eine beständige Betriebsamkeit. Darper schien zunächst überrascht zu sein, dass Drake mit Avens gemeinsam hier ankam. Drake schien ihm etwas zu erklären. Anschließend waren die beiden in ein fachliches Gespräch vertieft. Etwa zwanzig Minuten später waren sie damit fertig und Darper verschwand nach einer kurzen Verabschiedung wieder nach hinten. Drake hingegen nutzte danach seinen Pipboy und schien mit jemanden darüber zu sprechen. Avens beobachtete ihn dabei. Für einen Moment schien sich Drake über eine Aussage der Gegenseite zu ärgern. Das verflog aber wieder schnell und keine zwei Minuten später war auch dieses Gespräch beendet.


    Drake kam zurück zu ihm. "So, ich bin hier fertig. Wir werden uns jetzt auf den Weg nach unten machen. Zur Kommandoebene des Lassen." erklärte Drake und sie liefen wieder zurück zu den Aufzügen. Nach einem kurzen Moment des Wartens stiegen sie ein. Im Inneren des Aufzugs drückte Drake den Knopf für die Ebene -5 und hielt seinen Pipboy kurz vor eine Art schwarzem Scannerfeld. "Sicherheitsabfrage?" fragte Avens interessiert. "Alles unter Ebene -4 braucht besondere Zugangsberechtigungen." antwortete Drake knapp und nickte dabei. Der Aufzug bewegte sich nach unten und nach einem kurzen Moment kamen sie dort an. Kaum aus dem Aufzug ausgestiegen, war auch schon ein Checkpoint in Sicht. Den sie zur Avens Überraschung unbehelligt passierten.


    Beide waren gerade einige Meter gelaufen, als ihnen eine altbekannte Person entgegenkam. Es war John Rothschild. Er hatte kurz ein leicht süffisantes Lächeln aufgesetzt. Ein Gesichtsausdruck, den Avens bei ihm sonst noch nie gesehen hatte. "John, spar dir den Kommentar, den du da gerade auf der Zunge liegen hast." brummte Drake verlegen. "Wir gehen zu dir. Bevor du fragst." Der nickte kurz und die drei gingen in das Büro von John. Während sich Avens auf den von John dargebotenen Stuhl Platz nahm, setzte sich Drake auf den Boden. So hatten sie alle in etwa die gleiche Augenhöhe.


    "Eigentlich hatten wir dieses Treffen anders geplant, aber das ist jetzt hinfällig. Major, wenn Sie bald wieder mit Ihren Leuten Richtung Redding aufbrechen, wollten wir noch einige Fragen und Dinge klären, die uns betreffen. Da Sie wahrscheinlich Ihren Vorgesetzten von uns berichten werden, möchten wir mit offenen Karten spielen. Damit es nicht heißt, wir wären für eine eventuelle Zusammenarbeit nicht ... vertrauenswürdig genug." erklärte John und Drake nickte unterstützend dabei. "Das ist ... eine gute Einstellung. Ja und in der Tat habe ich gerade noch einmal gefühlte tausend Fragen mehr. Sie sind hier in manchen Dingen wirklich sehr verschlossen. Was eigentlich nicht zu Ihrer sonstigen guten ... wie nenne ich es ... Gastfreundschaft passt. Sie sind mir in manchen Gesprächen in der Beantwortung meiner Fragen ausgewichen." Avens schien kurz nachzudenken. "Und was mich im Moment auch sehr interessiert, was Sie beiden eigentlich miteinander verbindet?" Er zeigte dabei auf Drake. "Ich habe noch nie mit einem vom Nachtvolk zu tun gehabt, der erst einmal so einwandfrei spricht und sich von Menschen ansehen lässt, ohne gleich absolut argwöhnisch darauf zu reagieren."


    John rieb sich an der Wange und überlegte. "Tja, wo fangen wir mit an. Grundsätzlich sind wir vorsichtig gewesen, um unsere Leute zu schützen. Wir mussten erst wissen, wie Sie auf uns reagieren. Da es eigentlich durchweg positiv war ... wie alt schätzen Sie mich Major?" fragte John plötzlich. Avens schaute irritiert. "Ich würde so sagen um die vierzig herum. Aber was ist das für...?" "Biologisch gesehen schon, chronologisch habe ich ein wenig mehr auf den Buckel. Zweihundertsechsundvierzig Jahre." erklärte John Avens seelenruhig. Der schaute John an und dachte er hätte sich verhört. "Sie sind 246 Jahre alt ... aber das ist doch ... Moment, das heißt ja, Sie haben ... den großen Krieg erlebt ... aber wie...?" John erzählte ihm einen kurzen Ausschnitt der Ereignisse und wie sie am Ende festgestellt hatten, das sie zweihundert Jahre verschlafen hatten. Auch erwähnte John das erste Zusammentreffen der Bruderschaft in dem Zusammenhang. Avens sank staunend in den Stuhl zurück. "Das erklärt auch einige Ihrer Aussagen. Auch warum Sie viel Wissen von vor dem Krieg über die Zeit gerettet haben. Ihr Abkommen mit der Bruderschaft. Und das bisherige vorsichtige Vorgehen. Unglaublich und habe schon so einige Dinge in den Ödlanden gesehen und erlebt."


    Avens ließ die ganze Sache einen Moment innerlich sacken. Einen Moment später setzte er sich wieder auf. "Was ist mit Ihnen beiden? " fragte Avens wissbegierig. John sah darauf hin Drake fragend an. "Den Teil mit den ... Ereignissen wirst du übernehmen ... müssen und das ... andere ... habe ich ihm gegenüber noch nicht erwähnt." sagte Drake langsam und irgendwie wirkt er mit einmal sehr verschlossen. Er hatte mittlerweile seine beiden Hände zusammengefaltet und stützte auf ihnen sein Kinn ab. Avens beschlich mit einem Mal das Gefühl, dass das keine Geschichte mit einem guten Ausgang werden würde. Sein Verdacht sollte sich bestätigen. Dann begann John zu erzählen, was vor mittlerweile fast anderthalb Jahren zugetragen hatte. Avens lauschte mit zunehmenden Entsetzten. Zwischendurch sah er kurz zu Drake rüber. Der hatte mittlerweile die Augen geschlossen. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, dass er leicht mit dem Kiefer knirschte.

  • 283. Steinige Wege

    John hatte die Erzählung beendet. Avens sagt zunächst nichts, sondern musste das Ganze verarbeiten. Jetzt verstand er auch warum die Silver Dragons trotz ihrer Querelen mit der Bruderschaft an dieser festgehalten hatten. Warum er auch den Kommandanten zunächst nicht zu sehen bekam. Avens wäre fast vom Stuhl gekippt, als er während Johns Bericht erfuhr, dass der Nightkin neben ihm derjenige war. Hier im Lassen lernte Avens erneut, dass das Ödland immer noch weitere Überraschungen unter der Oberfläche bereithielt. "Ich nehme an, dass meine Leute und ich unser Überleben aufgrund Ihrer schnellen Entscheidung zu verdanken haben?" fragte Avens nachdenklich Drake und der nickte kurz. "Ich hätte Ihnen in der Situation sehr gerne persönlich geholfen. Nur habe ich die Gefahr gesehen ... nun ja ... dass Sie aufgrund meines ... "Äußeren" ... mich und meine Leute ebenfalls angreifen ..." gab er gegenüber Avens zu.


    "Ich muss gestehen ... vielleicht im Eifer des Gefechts ... doch ... in dieser Stresssituation ... vielleicht war es ganz gut, dass wir uns auf diese Weise kennengelernt haben ..." antwortete Avens ebenfalls ehrlich. "Nur das mit dem Umrempeln hätte nicht passieren müssen." seufzte Drake. Ihm war der Zusammenstoß immer noch unangenehm. Avens war innerlich erleichtert durch das Gespräch mit John und Drake. Man schien im Lassen ein ehrliches Interesse daran zu haben, die Menschen außerhalb zu unterstützen. "Wie geht es eigentlich nun weiter mit uns?" und sah Drake fragend an. "Wir hatten vor, Sie in den nächsten Tagen mit allem auszurüsten, was Sie und Ihre Leute für eine sichere Rückreise benötigen. Und wenn Sie sich bereit genug zum Aufbruch fühlen, wollte John Sie bis zu einem gewissen Punkt begleiten. Danach ... ich hoffe, dass wir die NCR in friedlicher Form wieder sehen."


    Mit dieser letzten Aussage erinnerte Drake Avens daran, dass es keineswegs klar, in welcher Form die Vorgesetzten von ihm auf den Bericht reagieren würde, den er über die Ereignisse anfertigen musste. Für einen Bruchteil einer Sekunde dachte er zunächst daran das Zusammentreffen nicht zu erwähnen, aber irgendeiner seiner Leute würde es mit Sicherheit irgendwann versehentlich ausplaudern. Und dann waren da auch noch die Sachen, der Bruderschaft, die er überbringen sollte. "Nein. Ich werde hier alles offenlegen ... müssen. Auch die Silver Dragons wollen den Kontakt zu NCR aufbauen. Ich hoffe nur General Lee trifft in der Hinsicht die richtige Entscheidung ... ich befürchte, dass sogar vielleicht Präsident Kimball mit auf die Entscheidung Einfluss nimmt ... " Avens starrte einen Moment nach vorne und seufzte. "Machen Sie sich keine Sorgen, Major. Wir wissen, was es für uns bedeuten kann, wenn Sie Ihre anderen Leute informieren. Wir vertrauen darauf, dass sich die NCR hier anständig verhält. Sollte es wider Erwarten anders kommen ... sind wir dafür gewappnet." sagte Drake ruhig. Durch die letzte Aussage machte er auch eindrücklich klar, dass man eine Auseinandersetzung mit der NCR nicht scheuen würde.


    Avens hoffte für sich selbst, dass man auch weiterhin ein gutes Verhältnis zu einander aufbauen würde. Er stellte weitere Fragen an die beiden, die er diesmal ohne weiteres Ausweichen beantwortet bekam. Im Gegenzug klärte er bei Nachfragen von Johns und Drakes Seite auf. Als die drei das Treffen beendeten, verabschiedete er sich für heute von John. Mit Drake würde er noch eine Tour durch den Lassen machen. Während des Gesprächs wurde deutlich, dass Avens gerne die Technik im Ansatz verstehen wollte, die den Lassen am Laufen hielt. Beide verschwanden in Richtung der Aufzüge, während John Rothschild zurückblieb. Die beiden würden noch miteinander darüber reden müssen, welche Maßnahmen sie ergreifen würden, wenn die NCR sie tatsächlich angreifen würden. War eine weitere Aufrüstung notwendig? John hoffte ebenfalls wie Drake und scheinbar auch Avens, dass es friedlich blieb.


    Avens war mit Drake etwa einen halben Tag unterwegs im Lassen gewesen und jetzt waren sie auf dem Rückweg Richtung Kluft. Die beiden unterhielten sich angeregt miteinander. War es Avens anfangs noch etwas schwergefallen mit Drake ins Gespräch zu kommen, merkte man jetzt nichts mehr davon. Er war ziemlich beeindruckt davon, wie schnell Drake den anfänglichen Wissensverlust kompensiert hatte. Auch schien Drake neues Wissen wie ein Schwamm aufzusaugen. Bereits im seinem ersten Gespräch mit ihm war ihm aufgefallen, wie neugierig und interessiert er war. Das war ein Verhalten, dass er bis jetzt bei Supermutanten gar nicht kannte. Das konnte aber auch damit zusammenhängen, dass Drake gerade am Anfang von seinen Leuten eine Unterstützung in vielen Dingen erhalten hatte, die er sonst, wenn er im Ödland verblieben wäre, nie erfahren hätte. Vielleicht war genau das der Grund weswegen er seine Menschlichkeit hatte erhalten können. Auch wenn der Anfang nicht ungefährlich für seine Leute gewesen war. Nachdem was John Rothschild ihm erzählt hatte.


    Avens hatte großen Respekt vor John aufgrund dieser Entscheidung. Sie waren gerade dabei die neuen Entwicklungen im Ödland zu diskutieren, als sie am Eingang der Kluft ankamen. Drake blieb mit einem Mal nachdenklich stehen, was Avens zunächst irritiert zu Kenntnis nahm. "Ist irgendetwas nicht in Ordnung, Drake?" "Ich überlege gerade ... ob ich Sie bis zum Quartier begleiten soll ... ich weiß nicht ob Ihre Leute mich jetzt schon kennenlernen sollten. Ich..." begann er wieder nachdenklich. "Ich denke, es würde schon Sinn machen, wenn Sie sich Ihnen vorstellen. Immerhin verdanken sie Ihnen ihr Leben. Vor allem zeigte es meinen Leuten, dass es auch sehr umgängliche Ihrer Sorte gibt." sagte Avens ohne Zögern und Drake willigte ein.


    Das erste Zusammentreffen mit Avens Leuten war zunächst ebenfalls von Misstrauen und Irritation geprägt. In einem gemeinsamen Gespräch konnte es aber größtenteils ausgeräumt werden. Nach fünf weiteren Tagen war es dann soweit. Die Heimat rief. Avens und seine Leute machten sich reisefertig. John und auch Drake waren anwesend. Man hatte Avens und seine Leute ein komplett neue Ausrüstung angefertigt, die sie äußerst dankbar annahmen. Selbst die Waffen waren generalüberholt worden. Drake überreichte Avens noch einige zusätzliche Sachen, die für seine Vorgesetzten bestimmt waren. Avens selbst bekam von ihm auch unter anderem ein Funkgerät überreicht, mit dem er in direkten Kontakt mit den Silver Dragons treten konnte. Drake hatte Avens die letzten Tage ins Herz geschlossen, was John ebenfalls freute. Nach dem Gespräch hatten die beiden sich noch öfter getroffen. Man verabschiedete sich.


    Drake blieb nachdenklich zurück. John war mit einigen Silver Dragons in Powerrüstungen mit aufgebrochen und begleitete Avens und seine Truppe ein ganzes Stück. Wie würde es jetzt mit der stählernen Bruderschaft und der Neukalifornischen Republik weitergehen? Die Silver Dragons würden jetzt wahrscheinlich unruhigen Zeiten entgegen schauen. Der Status der Neutralität war längst nicht mehr aufrecht zu halten. Am Horizont tauchte eine neue Bedrohung in Form der Legion auf. Während wahrscheinlich unter der Oberfläche des Ödlandes ihr alter Feind, die Enklave wartete. Die NCR war für die Silver Dragons nun ebenfalls ein Faktor, der besonderer Aufmerksamkeit geschenkt werden musste. Drake seufzte. Er hoffte, dass er die richtigen Entscheidungen getroffen hatte.

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